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Norbert
Blüm, Nebelschwaden und Expo-Erinnerungen
Thomasmesse
für Zweifler bot perfekte Show und inszenierte Predigt zum Wohlfühlen
Pfarrerin Mechthild Werner spricht die gewohnten Einsetzungsworte. "Christi
Leib" und "Christi Blut" gehen von Hand zu Hand. Die
Gottesdienstbesucher geben Brot und Wein einander weiter. Ganz wie bei
jedem Feierabenmahl auf jedem Kirchentag. Auch bei der Thomasmesse am
Freitagabend haben sich die bekannten Einsetzungsworte durchgesetzt.
Der Anspruch der Thomasmesse, gerade die Zweifler anzureden, und die
theologische Diskussion vor dem Kirchentag prallen aufeinander: Eine
zeitgemäße Liturgie fürs Feierabendmahl war zugunsten
der herkömmlichen aufgegeben worden.
Die Stimmung ist wie auf der Expo: In einem Regal am Rande des Spielfeldes
in der Ballsporthalle liegen kleine Gegenstände, die die Gottesdienstbesucher
gegen eigene eintauschen können. Im Christuspavillon auf der Expo
in Hannover gehörte so ein Tauschkabinett zu den beliebtesten Angeboten.
Auch während der Thomasmesse am Freitagabend des Kirchentags, gehen
viele zum Regal, nehmen Bonbons heraus, legen Streichholzschachteln
herein, füllen die Fächer mit immer neuem Krimskrams. Andere legen Fisch-Mandalas aus Sonnenblumen, schreiben Fürbitten
auf Zettel, lassen sich von Gottesdienstmitarbeitern segnen oder hören
dem russischen Chor aus Chabarovsk zu. Zehn Minunten Zeit hat Pastor
und Liedermacher Fritz Baltruweit gegeben, um die Möglichkeiten
zu nutzen, den Gottesdienst mit zu gestalten, "etwas zum sinnlichen
Begreifen" zu haben. Thomas war der zweifelnde Jünger, der
die Wunden Jesu sehen musste, um an dessen Auferstehung zu glauben.
Die Thomasmesse wendet sich an Menschen, die mit den traditionellen
Gottesdienstformen wenig anfangen können. In der Ballsporthalle gehört dazu die szenische Darstellung des
Bibeltextes. Der Tanz ums goldene Kalb wird zur Anbetung moderner Luxusgüter.
Männer und Frauen knien vor einem überdimensionierten Handy,
einem Eurocheque und einem Ballkleid nieder. Flackerndes Licht und Trockeneis-Nebelschwaden
unterstreichen den Pathos. Eine perfekte Show. Da passt es, dass der ehemalige Bundessozialminister Norbert Blüm
wie auf der Expo gemeinsam mit Pater Dieter Haite predigt. Baltruweit
hat die beiden dort erlebt und spontan engagiert. Eine perfekt inszenierte
Predigt über die Frage nach "Goldene Zeiten?" Haite spricht
von einer "Zeit ungeahnter Wahlmöglichkeit", kritisiert
Menschen, die mit dieser Freiheit nicht umzugehen wissen und sich von
der Freizeitindustrie vereinnahmen lassen. Blüm wirbt für
eine Welt, in der nicht mehr die Perfektion im Vordergrund steht. "Ich
war sicher kein Wunschkind meiner Eltern", sagt er. "Statt
einem Zwei-Meter-Mann ist da so ein Knubbel wie ich draus geworden."
Das Publikum lacht. "Doch ich bin ein Lieblingskind. Das zählt."
Das Publikum applaudiert.
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Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am 16. Juni 2001. |